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  7/4/2008
 
 

Fleißarbeit

aus: ComputerBild 5/2001 vom 26.2.2001

Hellseher können ihre Kristallkugeln einmotten: Vier Mannheimer "Geldbienen" sagen jetzt mit Hilfe der Rechnerleistung vieler Privat-Computer Aktienkurse voraus. Eine Fleißarbeit mit bis zu 80 Prozent Trefferquote. COMPUTERBILD hat's ausprobiert.

Eifrig vergleicht Stefan Selle (31) endlose Zahlenkolonnen auf seinem Bildschirm und tippt emsig auf der Tastatur seines Rechners. Unermüdlich schnürt er neue "Datenpäckchen", die dann übers Internet in deutsche Haushalte "fliegen". Wo Selle arbeitet? In einem Bienenstock. Er ist dort gewissermaßen die "Königin". Tausende kleiner Geldbienen erbringen in seinem Auftrag Leistung - kostenlos.

Nein, Stefan Selle betreut kein biologisches Projekt zur Erhaltung einer seltenen Spezies. Selle ist Volkswirt, Physiker und Projektleiter von "MoneyBee" (auf Deutsch: Geldbiene"). Sein "Bienenstock" ist ein weiß-blau möbliertes Büro in Mannheim. Sein "Volk" sind private Aktienanleger mit Internet-Anschluss. Und die haben alle einen gemeinsamen Wunsch: den Aktienkurs von morgen wissen.

Im vergangenen Herbst rief die junge Mannheimer Firma i42 das Projekt MoneyBee ins Leben. Geschäftsführer Till Mansmann (32): "Wir haben einen Software entwickelt, mit der wir Börsenkurse vorhersagen können." Wenn Banker wissen wollen, wie sich Aktien entwickeln, werfen sie ihren Großrechner an. Private Anleger dagegen guckten bisher in die Röhre.

Mansmann: "Mit unserer Software teilen wir den Rechenaufwand, der für solche Prognosen notwendig ist, in einzelne Pakete. Die Päckchen werden übers Internet an private Rechner geschickt. Die Idee ist also, statt eines Großrechners viele kleine Computer arbeiten zu lassen."

Internet-Nutzer kennen dieses Prinzip schon von "Seti at Home": 1998 kamen amerikanische Astronomen auf die Idee, private Computer-Nutzer mit Hilfe einse Bildschirmschoners nach Außerirdischen suchen zu lassen. Till Mansmann: "MoneyBee funktioniert nach einem ähnlichen Prinzip." Auf der Internet-Seite der Firma finden Aktienanleger den Bildschirmschoner (die Geldbiene) und die nötige Software, die sie auf ihren Rechner kopieren können. "Wer bei uns mitmacht, spendet uns Rechenzeit, die er selbst nicht benötigt. Sobald der Bildschirmschoner anspringt, rechnet er für uns", erklärt der Geschäftsführer.

Wer mitrechnet, profitiert von seiner Fleißarbeit: Nur "Geldbienen" dürfen die Prognosen sehen. Der Service ist damit ein Dienst auf Gegenseitigkeit. Jeder rechnet ein bisschen - und alle bekommen das ganze Ergebnis.

Mittlerweile zählt das Projekt 6300 Mitglieder. Sie kommen überwiegend aus Deutschland. Aber auch in der Schweiz, in Österreich, den Niederlanden, in Frankreich, Tschechien, sogar in Japan und Singapur wird mitgerechnet. Jedes Mitglied erbringt im Schnitt eine Rechenleistung von zehn Stunden pro Woche und trainiert damit ein so genanntes "Neuronales Netz", eine Art künstliches Gehirn im Internet. Bisher fleißigste Biene ist ein Rohrleistungs- und Kraftwerkstechnik-Montagewerk in Leipzig, das bereits 5000 Rechenaufgaben gelöst hat.

Die Ergebnisse senden die Geldbienen an die MoneyBee-Datenbank zurück. Dort werten Stefan Selle und seine Kollegen die Aufgaben aus, füttern die Datenbank mit den Werten und versenden neue Aufgaben. Till Mansmann: "Im Wesentlichen arbeitet unser neuronales Netz wie ein Mensch, die sich für Börsenkurse interessiert. Er schaut sich die Kurse an, bewertet sie und lernt aus der Vergangenheit. Dann versucht er, aus diesen Erfahrungen auf die Zukunft zu schließen."

Zurzeit erstellt MoneyBee 53 Vorhersagen. Darunter sind 30 Werte aus dem Deutschen Aktienindex (Dax) und 16 aus dem Akteinindex des Frankfurter Neuen Marktes (Nemax). Und die Trefferquote? Mansmann vorsichtig: "Das ist unterschiedlich. Bei manchen Aktien können wie die Entwicklung mit einer Wahrscheinlichkeit von 80 Prozent vorhersagen. Aber Anleger sollen sich bei ihrer Entscheidung nicht ausschließlich auf unsere Vorhersage verlassen."

COMPUTERBILD verglich den Verlauf einiger Aktienkurse mit den Vorhersagen (siehe linke Seite). Ergebnis: Noch ist das Unternehmen von der Leistung eines Großrechners weit entfernt. Um ebenbürtig zu sein, braucht man mindestens 17 000 Privat-Rechner für das Projekt. Und auch Börsen-Experte Thorsten Poddig von der Uni Bremen sieht die Computer-Analyse skeptisch: "Warum bietet jemand einen Internet-Service an, wenn er mit 80-prozentiger Wahrscheinlichkeit die Entwicklung von Aktienkursen vorhersagen kann? Dann sollte er längst jeden Morgen die neuen Gewinne auf einer Yacht in der Karibik zählen..."

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